Wie entsteht eigentlich ein Hörspiel? Deezer Interview mit Peter Davor

Posted by thetje | 20. Juni 2019 | News, Podcasts
Peter Davor Der Ausnahmezustand

Mit dem Deezer Originals Hörspiel Der Ausnahmezustand haben wir unsere erstes Hörspiel selbst produziert. Über mehrere Wochen fanden die Aufnahmen dazu im Funkhaus Berlin statt. Unter der Regie von Matthias Kapohl versammelten sich Peter Davor, Susanne Wolf, Husam Chadat, Peter Jordan, Elisa Schlott, Marleen Lohse, Lars Rudolph (alle bekannt aus Tatort) und Meriam Abbas am Mikrofon.

Wie entsteht ein Hörspiel?

Doch wie entsteht ein Hörspiel eigentlich? Das wollten wir wissen und sind einfach zu den Aufnahmen ins Studio gefahren, um sie uns selbst anzusehen. Glücklicherweise konnten wir uns auch den Regisseur Matthias Kapohl und Schauspieler Peter Davor für zwei kurze Interviews schnappen. Im ersten Teil kommt Peter Davor zur Sprache.

Deezer: Was macht für dich den Reiz eines Hörspiels aus?

Peter Davor: Die Fantasie, man muss sich vorstellen, dass man alles über die Stimme transportieren muss. Das heißt, die wahre Begebenheit, das wahre Geschehen drumherum muss hergestellt werden. Hier in diesem Studio zum Beispiel: Dieses Studio ist ein Wald, dieses Studio ist ein Flugzeug, ist ein Auto, ist ein Verhörzimmer, wie auch immer. Wir erschaffen aus einem Nichts eine ganze Welt. Das Reizvolle ist einfach dass dies ein Spielplatz für große Jungs ist. Du kannst dich da richtig austoben.

Wie unterscheidet sich das Spielen für Film und Hörspiele?

Ganz enorm. Ich habe beim Film sehr viel mehr Möglichkeiten, eine Emotion oder eine Information zu transportieren. Im Hörspiel trägt die Stimme die Emotion, da mache ich, was man im Film Overacting nennen würde. Ich kann hier im Hörspielstudio die Arme weit auseinanderreißen, Fratzen reißen, ich kann blöd dastehen, ich kann auf einem Bein balancieren, wenn mir das hilft, meine Emotionen zu transportieren. Beim Film werde ich sehr viel genauer beobachtet.

Wie denkst du in deine Rolle rein?

Ich denke eigentlich möglichst wenig, ich vertraue darauf, dass ich das intuitiv erfasse. Ich recherchiere natürlich, ich versuche so konkrete Daten zusammenzubekommen wie möglich, in denen sich meine Intuition austoben darf als Rahmen. Aber ich versuche nicht, die Dinge zu machen oder herzustellen oder zu konstruieren, weil ich eben auch die Erfahrung gemacht habe, dass sich vieles während der konkreten Arbeit dann entscheidet oder findet.

Kannst du dich mit deiner Rolle identifizieren?

Zum Teil, weil das ist ein ziemlich komplexer Charakter ist. Zum einen ist er ein harter, zynischer, von Agonie umnebelter Bulle, zum anderen ist er ein liebender, zutiefst leidender, unter dem Selbstmord seiner Tochter leidender Vater. Er ist ein liebenswerter Ehemann, dann ein Frauenverführer, wie auch immer, ein ganz ganz komplexer Charakter. Wenn es da nichts gäbe, womit ich mich identifizieren könnte, dann wäre ich sehr arm. Aber ich muss nicht Polizist sein, um einen Polizisten zu spielen. Es geht immer um Haltungen, die wir zur Verfügung haben.

Wie lange kann man am Tag sprechen?

Das ist von der Tagesform abhängig. Wie hast du geschlafen? Was hast du gegessen? Wie geht es dir heute? Aber es ist ja nicht so, dass man pausenlos spricht. Man lässt immer wieder zwischendurch los, und wenn ich eine Stundenzahl nennen müsste, geht das vielleicht zehn Stunden. Beim Hörbuch ist das anders. Wenn ich ein Hörbuch lese, dann ist das sehr begrenzt. Du hast da viel weniger Zeit, loszulassen und wieder auszusteigen. Irgendwann streikt die Zunge, streikt der Kiefer, dann geht es einfach nicht mehr.

Hört man einen Unterschied in der Stimme zwischen morgens und abends?

Ich würde sagen, ja. (lacht) Allerdings sollten sich die Unterschiede nicht in dem Hörspiel wiederfinden. Aber natürlich, irgendwann trocknet alles ein, da kannst du noch so viel trinken. Aber es wird soweit egalisiert oder professionnel überspielt, dass sich das nicht auf den Inhalt oder die Dramaturgie des Stückes niederschlägt.

Werden Szenen alleine gespielt oder mit anderen?

Wenn da zwei, drei Leute in der Szene sind, dann stehen wir auch gemeinsam da. Es kann aber auch sein, dass ein Kollege aus irgendwelchen Gründen nicht da ist oder aus er aus technischen Gründen gerade nicht aufgenommen werden kann. Das muss das losgelöst, nacheinander aufgenommen werden. Da wird der Kollege, mit dem ich diese Szene spiele, dann ge-xt. Ich tue also so, als hörte ich seinen Kommentar, auf den ich erwidere, oder die Regie-Assistenz liest das trocken als Orientierung ein. Also im Normalfall sind wir zusammen, aber es auch möglich, das anders zu machen.

Was ist für dich die globale Aussage des Hörspiels?

Ich finde da keine Aussage oder Botschaft. Aber es erinnert mich an die momentane Situation, an diese Freitagsdemos, Schülerdemos. Das hat mich sehr berührt. Es gibt wie gesagt keine Aussage, aber ein Element in diesem Stück. Dort protestieren junge Menschen gegen die Zerstörung des Planeten, gegen die Missachtung ihrer Zukunft, gegen die Missachtung ihrer Welt, in die sie hineingeboren wurden, indem sie kollektiv Selbstmord begehen. Das ist die Art, die dramatisierte Form des Protestes. Und natürlich ist das brutal, ohne Diskussion. Und diese Haltung erinnert mich sehr an die momentane Situation. Ich war so überrascht, als ich zum ersten Mal sah, dass wirklich europaweit, weltweit plötzlich Menschen auf die Straße gehen, um für ihre Zukunft protestieren. Und genau dieses Element taucht auch in dem Hörspiel auf.

 

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